Julian Erbeling

Offline-Audio

Ich habe Spotify und mein Handy gegen CDs und einen iPod eingetauscht. Ein Erfahrungsbericht.

Bildschirmzeit

Ich will die Zeit reduzieren, die ich mit meinem Handy verbringe. Meist bleibe ich daran hängen, nachdem ich was sinnvolles damit gemacht habe. Je weniger ich es also in die Hand nehme, desto weniger kann ich hängen bleiben.

So kam ich auf die Idee, Musik nicht mehr übers Handy zu hören. Stattdessen sollte ein MP3-Player her. Wenn das Gerät nichts kann außer Musik zu spielen, dann lenkt es auch nicht davon ab - so der Plan.

CD-Quellen

Ehe ich über ein separates Gerät nachdenken kann, brauche ich Musik. Bisher kommt die für mich von Spotify - das muss sich nun ändern.

Für 3-4€ pro Album sind gebrauchte CDs gut zu bekommen. Am meisten Spaß macht mir das Stöbern im lokalen Plattenladen. Gute Erfahrungen habe ich aber auch mit medimops gemacht. Vor allem spezifische Wünsche lassen sich online oft besser erfüllen.

CDs rippen

Nachdem ich also einen Stapel CDs beschafft habe, mussten die digitalisiert werden. Exact Audio Copy (“EAC”) ist heute nach meiner Recherche die einstimmige Empfehlung dafür. Ich bin kein anspruchsvoller Höhrer, weit weg von “audiophil”. MP3-Dateien sind für meine Ohren daher vollkommen ausreichend. Damit EAC nicht nur WAV- und FLAC- Dateien erzeugen kann sondern auch MP3s, benötigt es den LAME MP3 Encoder.

Sinnvollerweise installiert man LAME zuerst und kann dann während der Installation von EAC direkt den passenden Pfad angeben. Der “ich habe keine Ahnung”-Modus (“I’m a beginner, make all options as easy as possible”) hat mich idiotensicher durch die Installation geführt und mir anschließend eine fertig konfigurierte Software übergeben.

Der Prozess ist anschließend denkbar einfach:

  1. EAC starten
  2. CD einlegen
  3. In EAC die Tastenkombination [Alt] + [G] drücken (um die Metadaten der CD zu laden)
  4. Links auf den Button “CMP” klicken
  5. Abwarten, bis die CD vollständig gerippt ist

EAC lädt in Schritt 3 bereits die Metadaten für Album und Songs und bettet diese in die fertigen MP3-Dateien ein. Hin und wieder aber möchte ich gern Anpassungen daran vornehmen - ein anderes Cover hinterlegen, die Schreibweise eines Interpreten anpassen damit’s zum Rest der Sammlung passt o.ä.

Hier ist Mp3tag das Tool der Wahl. Den Ordner mit den gerippten Songs öffnen, Anpassungen vornehmen, Speichern.

Der Walkman

Nun hatte ich also Musik, nächster Schritt war ein Gerät zum Abspielen derselben. Einen Markt für entsprechende Geräte gibt es auch im Zeitalter der Smartphones noch, allerdings einen kleinen. Die Wahl besteht zwischen Geräten auf Android-Basis auf der einen Seite, die sich von einem Smartphone nur dadurch unterscheiden, dass ihnen die Telefon-App fehlt und einer Handvoll günstigerer Nischenmodelle, die bspw. wasserdicht sind, Befestigungsclips für die Verwendung beim Sport mitbringen o.ä.

Den “ganz normalen” MP3-Player, wie ich ihn als Kind kannte, musste ich eine Weile lang suchen. Fündig geworden bin ich beim Sony Walkman NE-E394. Mit 8GB Speicherplatz fasst der grob überschlagen um die 2000-2500 Songs. Mehr als genug für meine kleine Sammlung.

Albumcover auf dem Walkman

Nachdem ich zum ersten Mal Musik auf den Walkman geschoben habe, war ich irritiert. Die Metadaten hat das Gerät alle korrekt erkannt - allerdings wurde bei vielen Alben das Cover nicht angezeigt. Dabei hatte ich das doch extra gesetzt.

Stellt sich heraus: der Walkman hat Probleme mit Progressive JPEGs. Das Format gibt es seit den 90ern. Mein Walkman Modell wurde 2016 veröffentlicht. Trotzdem unterstützt Sony ganz offensichtlich nur als Baseline JPEG formatierte Bilder darauf.

Glücklicherweise ist die Abhilfe relativ einfach. Zurück in Mp3tag, ein betroffenes Album öffnen. Dann Rechtsklick auf das Cover und “Album-Cover anpassen”. Dort dann JPEG als Bildformat setzen, die gewünschte maximalen Maße wählen (500px reichen mir) und auf “OK” klicken. Mp3tag macht dann aus dem Progressive JPEG eine Baseline-Version und hinterlegt die in den Metadaten.

Zurück auf dem Walkman werden die angepassten Cover prompt auch korrekt angezeigt.

User Experience

Nachdem die Musik dann inklusive Cover auf dem Walkman war, galt es dann, sie auch zu hören. Ich bin kein anspruchsvoller Höhrer, weit weg von “audiophil”. Zur Klangqualität kann ich daher nicht viel sagen - ich war zufrieden.

Dass die Albumcover für den Walkman angepasst werden müssen, will mit zwar auch heute noch nicht in den Kopf - da das aber eine einmalige Aktion pro Album ist, könnte ich darüber hinwegsehen. So häufig und bekomme ich keine neue Musik, als dass das ein echtes Problem wäre.

Was mich allerdings regelmäßig gestört hat war die Bedienung des Walkman. Vor allem beim Ein- und Ausschalten besteht da viel Potential. Wenn ich bspw. an der Supermarktkasse zum Bezahlen kurz Pause drücke, dann hat sich der Walkman schon selbst abgeschaltet, bis ich meinen Einkauf im Rucksack verstaut habe. An sich eine nette Funktion, dass er Energie sparen will. Allerdings kennt das Modell keine Standby-Funktion. Wenn ich nach 1-2min Unterbrechung also weiterhören will, dann muss der Walkman erstmal wieder booten.

So schnell, wie er sich eigenständig abschaltet, so leicht geht er leider auch eigenständig an. Es gibt an der Seite zwar einen physischen “Hold”-Schalter. Der funktioniert allerdings nur, während das Gerät eingeschaltet ist. Dass sich der Walkman einschaltet, das verhindert auch ein aktivierter “Hold”-Schalter nicht. Doof, weil das Gerät sich schon einschaltet, wenn man es nur schief anschaut. Denn während man zum Ausschalten eine einzelne Taste lange halten muss, reicht es zum Einschalten schon, irgendeine Taste kurz zu drücken.

Kein Wunder also, dass sich das Gerät in Jacken-, Hosen- und Rucksacktaschen verselbstständigt. Entsprechend schlecht war meine Laune, wenn ich den Walkman mit leerem Akku aus einer Tasche gezogen habe.

Gerätewechsel

Die Idee mit dem dedizierten Musik-Gerät gefällt mir. Das konkrete Gerät gefällt mir nicht. Es muss also ein anderes Gerät her. Die Recherche zeigt, dass iPods auch heute noch eine breite Anhängerschaft haben. Zusätzlich sind Ersatzteile gut verfügbar und es existiert eine breite Modding-Community. Neue Akkus, schnellerer Speicher, alternatives Betriebssystem - alles machbar und gut dokumentiert.

Also habe ich Kleinanzeigen günstig einen gebrauchten iPod Video mit 30GB Festplatte geschossen. Der funktioniert soweit erstmal in seinem Grundzustand gut, das Modell lässt sich bei Bedarf in Zukunft aber auch einfach modden.

Mit dem iPod und seiner originalen Software kommt die Notwendigkeit, den per iTunes zu bespielen. Wichtig dabei ist, den Installer direkt bei Apple zu laden (unter “andere Versionen” > “Windows”). Der Version aus dem Microsoft-Store fehlen die Treiber für die alten Geräte.

iTunes und die Songlänge

Einige wenige Lieder hat iTunes nach dem Import mit falscher Dauer erkannt. Oft wurde gar die doppelte Dauer angezeigt - also bspw. 07:00 statt 03:30 Minuten.

Abhilfe schafft hier ffmpeg mit einem stumpfen Trick. Alle Streams aus der fehlerhaft erkannten Datei werden in eine neue Datei geschrieben, ohne sie dabei neu zu codieren. “Same shit, different wrapper”, wobei der Wrapper hier die entscheidende Komponente ist. Bei der Übertragung werden Bitrate und Dateigröße neu geschrieben. Aus den beiden Werten wird wiederum die Länge des Liedes berechnet. Und durch das Neuschreiben erkennt iTunes diese Länge dann auch korrekt.

ffmpeg -i 'falsely_recognized_song.mp3' -acodec copy 'recognized_by_itunes.mp3'

Fazit

Experiment geglückt. Meine Zeit am Smartphone hat sich reduziert. Gleichzeitig beschäftige ich mich viel bewusster mit der Musik, die ich höre. Sowohl in der Auswahl der Alben als auch im Zuhören selbst. Ein Selbstversuch zum Empfehlen.

Tags: #Musik